Wo ist die Lust auf Leistung geblieben?

„35-Stunden-Woche, Home-Office-Ausstattung, betriebsinterne Fitnesskurse …“ Nein, wir sind hier nicht bei „Wünsch dir was“, sondern in einer exemplarischen Stellenanzeige, wie ich sie immer häufiger lese. Statt um Leistung geht es gefühlt darum, möglichst viele Benefits einzustreichen und dafür so wenig wie möglich zu arbeiten. Klingt für mich erst mal schräg – doch genauso ticken viele der jungen Professionals, um die sich Unternehmen aktuell bemühen. Im Zuge der Pandemie ist die Diskussion um neue Arbeitszeitregelungen und -modelle zwar zurückgegangen, präsent ist sie allerdings nach wie vor. Eines der gängigsten Argumente: Es wäre ja wesentlich effizienter, nur 35 oder 37,5 Stunden zu arbeiten. Weil die Mitarbeiter dann konzentrierter arbeiten und weniger quatschen würden. Und so wie von Zauberhand die gleiche Arbeit wie in 40 Stunden schaffen würden.

Wie wäre es mit mehr Leistung statt weniger Zeit?

Bin ich der Einzige, dem an dieser Rechnung ein Haken auffällt? Entweder haben diese Mitarbeiter zu wenig zu tun, wenn sie fünf Stunden die Woche mit Kaffeeklatsch verbringen und dennoch alles abarbeiten. Was ich jedoch viel eher glaube: Wir haben es hier mit einem Mentalitätsthema zu tun. Denn mit Sicherheit wird es auch diejenigen geben, die in einer kürzeren Arbeitszeit noch weniger schaffen als vorher – weil sie ihr Verhalten nicht ändern und überhaupt keine Lust auf ihren Job haben.

Was ich mich außerdem frage: Warum weniger Zeit, um die gleiche Arbeit zu schaffen? Wäre es nicht viel besser, weiterhin 40 Stunden zu arbeiten – und in dieser Zeit mehr zu schaffen als vorher? Ich erzähle gerne, dass ich die 40 Stunden schon Mittwochmittags voll habe. Und sie dann direkt nochmal arbeite, weil ich so einen Spaß daran habe. Denn genau darum geht es. Doch Spaß und Lust suchst du heute bei deinen Mitarbeitern oft vergeblich.

Generation „leben statt leisten“

Als Azubi im Elektrogroßhandel hatte ich genau das. Ich wollte mich beweisen, Leistung bringen. Und ich war damit nicht allein. Wisst ihr, was heute gang und gäbe bei Azubis ist? „Der kommt heute nicht, der hat Berufsschule!“ Ja, und? Klar waren nach der Berufsschule rein rechnerisch die acht Stunden um. Ich bin trotzdem noch in den Betrieb gefahren. Habe Bestellungen zu Kunden gebracht, im Lager mitgeholfen, was halt gerade so anfiel. Kurzum: Dem Chef zeigen, dass ich Bock auf den Job habe. Die heutige Generation der Berufseinsteiger will anscheinend lieber leben statt leisten.

Doch auch leben musst du dir leisten können, im wahrsten Sinne des Wortes. Ich habe damals auch samstags im Betrieb gearbeitet – weil ich unabhängig sein wollte. Das Geld konnte ich gut gebrauchen und habe es clever reinvestiert. Zum Beispiel in Poloshirts, die ich dann abends in der Disco verkloppt habe. Ob das Zeug echt war? Keine Ahnung. Darum ging es mir auch gar nicht. Ich wollte Geld verdienen. Mein Mantra: Erst schaufeln, dann scheffeln. Mir scheint, dass viele junge Menschen den ersten Schritt gerne überspringen und direkt scheffeln wollen. Doch so läuft der Hase nicht.

Wir brauchen Leistung jetzt dringender denn je

Vor gut zwei Jahren waren Modelle wie der „6-Stunden-Tag“ oder „Freitag als Frei-Tag“ in aller Munde. Ich frage mich: Sind Menschen damit wirklich produktiver? Ich glaube nicht, dass sich das verallgemeinern lässt. Und vor allem bin ich als Unternehmer der Ansicht, dass wir uns sowas gerade in der aktuellen Situation absolut nicht leisten können! Um aus dem Coronatief und der damit verbundenen Wirtschaftslage wieder nach oben zu gelangen, sind alle Hände nötig, die mitanpacken können. Mir wäre es als Mitarbeiter jetzt wichtiger, einen Beitrag zum Erhalt meiner Company zu leisten, als mehr Zeit zu haben, beim Yoga mit meinem inneren Kind in Einklang zu kommen. Das bezahlt nämlich nicht die Rechnungen, wenn es deinen Job nicht mehr gibt.

Warum „Arbeit als Pflicht“ ein schlechter Deal ist

Ich habe den Eindruck, viele Menschen haben heute keine Lust mehr auf das, was Arbeit eigentlich ausmacht. Sie wollen nichts verändern – sondern in erster Linie möglichst bequem möglichst viel Geld verdienen. Ganz ehrlich? Wer arbeitet, nur um Geld zu verdienen, verschwendet meiner Ansicht nach sein Leben. Schon klar, die allermeisten brauchen das Geld, um ihre Miete zu zahlen und den Kühlschrank zu füllen. Doch deshalb zu glauben, dass Arbeit nur eine lästige Pflichtübung ist, keinen Spaß machen braucht und dich von deinem „eigentlichen“ Leben abhält – das kann es doch nicht sein. Du verbringst in der Regel acht Stunden täglich mit deiner Arbeit. Das sind nicht „nur“ acht Stunden, sondern der Großteil deines Tages, aktuell im Winter von Sonnenaufgang bis Untergang. Du tauschst fünf Tage, die dir keinen Spaß machen, gegen zwei freie Tage. Selbst als durchschnittlicher Verkäufer müsste es bei dir jetzt klingeln: Schlechter Deal!

Das bedeutet im Umkehrschluss jetzt allerdings nicht, dass Arbeit einen kosmischen, tieferen Sinn haben muss. Wer mich etwas besser kennt, weiß, dass ich auf dieses Purpose-Gequatsche ziemlich allergisch reagiere. Ich bin der Ansicht, dass es immer noch ein himmelweiter Unterschied ist, ob du dir einen Job suchst, der dir Spaß macht – oder ob du auf der Suche nach dem alleserklärenden Sinn deines Lebens bist. Klar ist es eine tolle Sache, sein gesamtes Handeln nach einem Sinn auszurichten. Doch für den Anfang tun es auch einfache Ziele. Dein Job hilft dir, deine Ziele zu erreichen? Das wäre für mich allemal Grund genug, ranzuklotzen und Leistung zu bringen! Und wenn die Tätigkeit dann auch noch Spaß macht – eine Win-win-Situation, wenn du mich fragst.

Wer Ziele hat, strengt sich an

Heute ist für mich klar: Der Sinn hinter meinem Handeln ist es, andere Menschen besser zu machen. Ich möchte mein Wissen teilen und Unternehmer dabei unterstützen, ihren persönlichen Gipfel zu erreichen. Als junger Kerl wusste ich das noch nicht. Warum ich meinen Job als Kopiererverkäufer dennoch mit Leidenschaft gemacht habe? Weil ich ein Ziel hatte. Ich wollte unabhängig sein, Porsche fahren und eine Million auf dem Konto haben. Für manche junge Menschen mag das in Zeiten von Lastenfahrrad, E-Mobility und Sharing Economy oberflächlich und überholt klingen – doch für mich hat es funktioniert. Und das ist das, wo es letztendlich drauf ankommt.

Ich bin überzeugt davon, wenn du ein Ziel hast, dann strengst du dich dafür an. Weil du es erreichen willst. Und dann bist du auch bereit, mal die Extrameile zu gehen, wenn es nötig ist. Und du packst nicht schon zehn Minuten vor Feierabend alles zusammen, um noch in Ruhe einkaufen zu gehen, um dann deine frisch zubereitete vegane Bowl bei Instagram zu zelebrieren. Klar kann das auch ein persönliches Ziel sein. Da habe ich auch nichts gegen – solange du trotzdem einen ordentlichen Job bei mir machst.

Habt ihr in eurem Unternehmen verschiedene Arbeitszeitmodelle ausprobiert? Gibt es noch junge Mitarbeiter, die Lust auf Leistung haben? Ich freue mich auf den Austausch mit euch in den Kommentaren!

Euer Martin Limbeck

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11 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

  • Daniela Schmidt
    19. Januar 2022 14:13

    Wo ist die Lust auf Leistung geblieben?
    Antwort: bei den Helikoptereltern! Wenn für alles gesorgt wird/ist, jeder Kampf, jede Übernahme von Verantwortung den Kindern abgenommen wird, wozu sollen sie sich anstrengen? Woher soll die Lust kommen? Sie wurde ja im Keim erstickt (bei vielen – nicht bei allen)!

    Antworten
    • Martin Limbeck
      19. Januar 2022 17:59

      Definitiv! Das gilt sicherlich nicht für alle, allerdings beobachte ich dieses Phänomen auch immer häufiger. Hier muss sich definitiv die Elterngeneration mit verantwortlich fühlen.

      Antworten
  • Horst Weber
    20. Januar 2022 0:33

    Merkwürdig ist nicht nur das die junge Generation weniger Zeit Arbeiten möchte sondern zur „Mantazeit“ 1980 gingen 1/3 zum Gymnasium und heute ist es genau anders herum plötzlich sind es 2/3 die zum Gymnasium gehen können. Wenn ich heute eine Bewerbung von einem Uniabsolventen erhalte und mir die Bewerbung anschaue graut es mir. Irgend was läuft da aus dem Ruder? Es sind nicht nur die Eltern sondern jetzt auch bei den Lehrern.

    Antworten
  • Jürgen Franz
    20. Januar 2022 9:08

    Absolut richtig! Mir begegnet diese merkwürdige Anspruchshaltung auch permanent. Wie fatal dies ist, zeigt sich meist sehr bald. Die sogenannte „neue Arbeitswelt“ gibt der Tatsache, dass nicht mehr die Freude am Tun sondern der Spaß am „Dasein“ im Vordergrund steht, nur einen gesellschaftsfähigen Namen.
    Viele Grüße, Jürgen Franz

    Antworten
  • Norman Kaulfuß
    20. Januar 2022 15:19

    Schöner Artikel, gute Anregung zur rechten Zeit. 🙂
    Machen wir uns nichts vor: Der gesellschaftliche Wandel, der diese Nachwuchs-Allüren mit sich brachte, ist einige Jahre her. Schwer hingegen ist zu begreifen, dass es tatsächlich nicht die von mir immer mal wieder wahrgenommenen Ausreißer mit ihrer Anspruchshaltung sind, sondern sich ein mehrheitlicher Wandel nunmehr vollzogen hat.
    Unsere Werte haben scheinbar nicht mehr den ursprünglichen Stellenwert, ein arbeitsamer und fleißiger Leistungsträger steht schnell in einem schlechten Licht da, weil er seine Ressourcen nicht dosiert und punktuell einsetzt.
    Ich glaube es wird nun zu Jahresbeginn besonders deutlich: „Dieses Jahr rockt’s!“ ist out, „Krise, wirtschaftliche Halbkraft und mal schauen, wie schlecht es sich noch entwickelt!“ scheinbar in.
    Ich lasse mich nicht beirren, halte zunächst an „unseren“ Werten fest.
    Alles Gute und bis bald mal.
    Norman Kaulfuß

    Antworten
    • Martin Limbeck
      21. Januar 2022 8:21

      Hallo Herr Kaulfuß, danke für Ihr Feedback! Bin da ganz bei Ihnen – Pessimismus scheint gerade bei vielen angesagt zu sein. Lassen wir uns davon nicht beeinflussen, sondern nutzen stattdessen die Chancen, die sich uns bieten! 💪🏻

      Beste Grüße, Martin Limbeck

      Antworten
  • Limbeck.
    Wer hatte nicht schon alles einen Burn out von immer arbeiten? Ich jedenfalls. Seitdem mache ich freitags frei, erledige soweit alles und habe dann ein Wochenende mit der Familie. Das Problem liegt in den Regeln, den geschriebenen und vielmehr den ungeschriebenen, wenn ich einfach mal Leistung raushauen will. Und jemanden außerhalb meiner Abteilung um Feedback bitte, weil ich weiss, dass es gut wird. Und dann von den KollegInnen schief angeguckt werde. Die sagen, das die Liste ja gar nicht in diesem Jahr zu schaffen ist. Ich habe nichts gesagt, einfach einen Punkt genommen, worauf ich Bock habe, und das Ergebnis beim Chef abgeliefert. Punkt. Mit 80% Job.
    Herzliche Grüße
    AB

    Antworten
  • Hey, dein Artikel ist gefällig zu lesen und subjektiv pauschalisierend. Da sind so viele Fragen die mir beim Lesen deines Textes in den Sinn gekommen sind. Wer genau sind den die „jungen Professionals“? Azubis, Studenten, Aushilfskräfte, Kiffer? Außerdem ist es deine (und meine) Generation, die unsere Gesellschaft und somit auch den Nachwuchs gestaltet und geprägt haben. Welche Fehler haben wir also gemacht? Und warum gehst du spontan davon aus, dass dein Weg/Denkweise/Antrieb allgemeingültig sein sollte?
    Mir hätte Dein Artikel mit ein paar selbstkritischen Aspekten wesentlich besser gefallen.
    viele Grüße,
    Daniel
    ps Deinen letzten Absatz fand ich einseitig polarisierend und latent abwertend.

    Antworten
    • Martin Limbeck
      26. Januar 2022 12:54

      Hallo Daniel, danke für dein Feedback. Natürlich war es auch mein Ziel, mit dem Artikel zu polarisieren. Wir können nicht alle über einen Kamm scheren, das ist schon klar. Ich meine mit „Young Professionals“ die Mittzwanziger, mit denen ich und befreundete Unternehmer als Arbeitgeber in Kontakt kommen. Größtenteils mit abgeschlossenem Studium, mit erster Berufserfahrung. Ich weise die Verantwortung auch nicht von mir – als Eltern müssen wir uns auch den Schuh anziehen, dass wir mitverantwortlich sind. Ich verlange nicht von jedem, dass er oder sie so denkt wie ich. Doch wer in meiner Company arbeiten möchte, sollte sich zumindest mit meinen Werten anfreunden und danach arbeiten können.

      Beste Grüße, Martin Limbeck

      Antworten
  • Guten Tag Herr Limbeck,
    herzlichen Dank für die sehr gute Anregung. Ich sehe hier mehrere Entwicklungen, die für dieses Phänomen verantwortlich sind: 1. Es geht vielen von uns finanziell gut. Vor allem auch der ´Erbengesellschaft´. 2. Wir haben einen Fachkräftemangel, dass heisst, junge Menschen haben heute keine Sorge ihren Arbeitsplatz zu verlieren, der nächste ist nur ein Mausklick entfernt. 3. Druck ist in unserer Gesellschaft und Erziehung nicht mehr gewünscht. 4. Familie und Freizeit hat einen hohen Stellenwert erhalten.
    Ich sehe diese Entwicklung aber nicht nur negativ. Führung muss sich verändern. Um Leistung bei jungen Menschen zu erzeugen muss man mehr `Pullen´ anstatt pushen. Das heisst, einen Sog erzeugen. Begeistern, die Organisation so aufbauen, dass die Prozesse schnell weiter gehen, terminieren, permanent freundlich erinnern (bloß keine Kontrolle 😉 und so weiter. Und dabei immer nett und freundlich sein, trotzdem seine Ziele erreichen. So komme ich mit meinen vier jungen Menschen ganz gut klar. Drei davon machen schon beruflich Karriere. Einer geht noch zur Schule. Die Welt ändert sich halt.

    Antworten
    • Martin Limbeck
      26. Januar 2022 12:57

      Vielen Dank für Ihr Feedback! Ich bin da ganz bei Ihnen. Um es mal ganz platt zu sagen: Uns geht es zu gut! Das hat zu dieser „Erbengesellschaft“ geführt. Und Sie haben Recht: Als Unternehmer dürfen wir nicht nur mit dem Finger zeigen und klagen. Wir sind auch gefordert, den jungen Menschen in gewisser Weise entgegenzukommen, um sie für die Arbeit zu begeistern. Die Welt ändert sich – und wir müssen mit den Menschen klarkommen, die da sind. Es gibt keine Besseren. 😉

      Antworten

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