Ellbogen-Mentalität und Brückentag-Bingo: Darum sehe ich schwarz für unsere wirtschaftliche Zukunft

So langsam geht es wieder los. Bestimmt hat Facebook dir beim Durchscrollen auch schon einen dieser Artikel vorgeschlagen, die mit Überschriften locken wie „So holen Sie 2022 das meiste aus Ihren Urlaubstagen raus“, „Clevere Tricks für maximal viel Urlaub“ oder „So verdoppeln Sie Ihren Jahresurlaub“. Dahinter verbergen sich dann Tipps, welche Tage Arbeitnehmer am besten freimachen sollten, um durch die geschickte Einbindung von Feier- und Brückentagen sowie Wochenenden möglichst viel Urlaub zu haben. Ganz ehrlich? Wenn ich sowas lese, steigt bei mir sofort der Blutdruck.

Maximaler Egoismus statt Leistungswille

Garantiert kennst du ihn auch, diesen einen Mitarbeiter oder Kollegen, der spätestens im Oktober mit dem Textmarker dasitzt und sich diese Optionen im Kalender markiert. Natürlich während der Arbeitszeit. Und der dann Ende Dezember in deinem Büro steht, um direkt den gesamten Jahresurlaub einzureichen. Natürlich fein säuberlich so geplant, dass für ihn das Maximale dabei rauskommt. Klar ist das rechtlich nicht verboten. Doch es ist schon erstaunlich, dass das in der Regel die Menschen sind, denen du sonst beim Gehen die Schuhe besohlen kannst. Ich wünschte, so einen Eifer würden sie mal bei der Bearbeitung ihrer täglichen Aufgaben an den Tag legen!

Darüber hinaus verdeutlicht dieses Beispiel auch den wachsenden Egoismus in unserer Gesellschaft. Nach dem Motto: „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst“, werden die Ellbogen ausgefahren – Hauptsache, sie bekommen ihren Willen. Ohne Rücksicht auf Kollegen, die möglicherweise die Brückentage dringender brauchen, weil der Kindergarten dann geschlossen hat. Und die zwei Wochen Mallorca werden genau in der Zeit gewünscht, in der es im Unternehmen erfahrungsgemäß heiß hergeht. Der Gedanke dahinter? „Mir doch egal, da sind die Flüge am günstigsten!“

„Feiertage kriegen doch eh alle geschenkt!“

Da kannst du dir echt nur an den Kopf packen. Ich bin der letzte, der seinen Mitarbeitern Steine in den Weg legt, wenn es um die Urlaubsplanung geht. Bei mir hat außerdem jeder an seinem Geburtstag frei, geschenkt. Und wenn der Ehrentag aufs Wochenende fällt? Können sich meine Teammitglieder aussuchen, ob sie lieber den Freitag davor oder den Montag danach freihaben möchten. Ich finde das großzügig. Trotzdem gibt es dann noch die Leute, die den Hals nicht vollbekommen. Und mit dir verhandeln wollen: „Chef, mir würde es besser passen, wenn ich den Tag in zwei Wochen nehme, dann kann ich da meinen Urlaub dransetzen …“ Nein! Was hat das denn noch mit dem Geburtstag zu tun?

Im internationalen Vergleich steht Deutschland mit der Zahl der gesetzlichen Urlaubstage ziemlich weit vorne. Auch Feiertage gibt es bei uns nicht gerade wenige. Dazu kommen noch Sonderurlaubstage für besondere Fälle. Davon können Arbeitnehmer in den USA, China oder Japan nur träumen! Doch statt sich darüber zu freuen, wird gemeckert, was das Zeug hält – und noch mehr Urlaub gefordert. Weil die Feiertage ja eh alle vom Staat geschenkt bekommen. Und es sind genau diese Denkweise und Arbeitsmoral, die dafür sorgen, dass wir auf dem Wirtschaftsmarkt rechts und links von anderen Nationen überholt werden.

Einer muss die Arbeit machen

2020 war ein außergewöhnliches Jahr, keine Frage. Weißt du, wieviel Urlaub meine Frau und ich gemacht haben? 1,5 Tage, als wir wegen eines Termins sowieso in Ostsee-Nähe waren und meine Frau sich gewünscht hat, dass wir noch einen Tag länger bleiben und ihren Geburtstag dort verbringen. Das war‘s. Für uns war es selbstverständlich, dass 2020 nicht das Jahr für Urlaub war. Stattdessen haben wir wirklich geschuftet, um der Krise zu trotzen und unseren Mitarbeitern einen sicheren Arbeitsplatz zu garantieren.

Klar kommen dann wieder die Stimmen, die sagen: „Aber ihr hattet doch auch die Feiertage, und über Weihnachten war das Büro zu!“ Das stimmt. Doch Feiertag heißt doch nicht, dass Arbeiten verboten ist? Ich nutze diese Tage sogar besonders gerne, weil mein Telefon dann mal nicht ganz so oft klingelt und ich Zeit habe, mein Unternehmen weiterzudenken. Und was die Weihnachtspause angeht – in der Zeit haben wir unseren neuen Standort in Dinslaken eingerichtet, Tische aufgebaut und jede Menge Kisten geschleppt, damit die Mitarbeiter dort im Januar direkt Vollgas geben konnten. Wie viele aus dem Team dabei geholfen haben, kann ich an einer Hand abzählen. Und zwar an einer Hand, die schon mal Bekanntschaft mit einer Kreissäge gemacht hat, wenn du verstehst.

Erst schaufeln, dann scheffeln – nicht andersherum

Klar war das keine Pflicht. Doch für mich wäre es als junger Kerl selbstverständlich gewesen, dass ich da mitanpacke. Zumal ich mich darüber gefreut hätte, in ein neues, schickes Büro zu ziehen. Beschweren, dass es vorher zu laut und zu eng war, konnten sich alle. Doch anpacken? Ne, das ist ja anstrengend. Und weißt du, wie es dann nach wenigen Tagen im neuen Jahr weiterging? Dann wurden die ersten Stimmen laut, dass das ja eine Zumutung wäre mit dem neuen Standort. Warum? Weil dann mindestens 30 Minuten Feierabend dafür draufgehen würden, vom Büro aus wieder nach Hause zu fahren …

Da bleibt mir echt die Spucke weg. Zum Glück sind nicht alle so. Doch es wird immer herausfordernder, Mitarbeiter mit einer Mentalität zu finden, die sich nicht nur um Spaß, Vergnügen und den eigenen Vorteil dreht. Und das geht nicht nur mir so. Befreundete Unternehmer und Führungskräfte bestätigen mir, dass auch bei ihnen erst mal gefordert wird. Versteht mich bitte nicht falsch: Ich bin der letzte, der etwas dagegen hat, wenn einer belohnt wird. Doch die Grundvoraussetzung dafür ist Leistung! Und solange die nicht erbracht wird, sehe ich schwarz für die wirtschaftliche Zukunft unseres Landes.

Wie siehst du das? Mehr zum Thema gibt es ab dem 28. Februar 2022 – dann erscheint mein erstes gesellschaftspolitisches Buch. Stay tuned!

Vorheriger Beitrag
Öffentlicher Dienst statt Innovation: Stirbt Unternehmertum in Deutschland aus?
Nächster Beitrag
Exitplan statt Vision? Darum brauchen wir eine neue Gründerkultur

2 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

  • Sehr interessante Sichtweise aus Unternehmenssicht.
    Sinnvoll aus meiner Expertise ist es im Team einen Konsens zu finden. Darüber hinaus empfehlenswert hier ist es mal das Harvard Business Konzept hinzuzuziehen um einen Diversity Austausch zu gewährleisten.
    Auch möchte ich hinzufügen das es je nach Position Arbeitszeiten gibt , gerade im Vertrieb, wo diese Tage als angenehm erscheinen
    Carpe Dieem

    Antworten
    • Martin Limbeck
      2. November 2021 9:40

      Hallo Ralph,

      danke für dein Feedback! Da bin ich dabei – gerade im Vertrieb ist Teamwork das A und O, daher sollten sich Mitarbeiter da auch kollegial verhalten und sich abstimmen. Ich persönlich schätze die Brückentage sehr zum Arbeiten, da weniger Unterbrechungen von außen. 😉

      Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Bitte füllen Sie dieses Feld aus.
Bitte füllen Sie dieses Feld aus.
Bitte gib eine gültige E-Mail-Adresse ein.
Sie müssen den Bedingungen zustimmen, um fortzufahren.

Menü
;